Round-Table-Diskussion, moderiert durch Mag. (FH) Dieter Aigner, Geschäftsführer der Raiffeisen KAG mit den Expert:innen
Dr. Klaus Friesenbichler, Senior Researcher Industrieökonomie & Wettbewerbsfähigkeit, WIFO Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Mag. Alexander Toth, Fondsmanager, Raiffeisen Capital Management
Mag. Peter Vanek, Leiter der Business Unit Steel/Energy/Automotive/Agriculture, ÖBB Rail Cargo Group
Mag. Valentin Wedl, Leiter Abteilung EU und Internationales, Arbeiterkammer Wien
„Momentan befinden wir uns oft im freien Fall“
Herr Friesenbichler, aktuelle geopolitische Spannungen, wie die Konflikte rund um die Straße von Hormus, zeigen eindrücklich, wie verletzlich globale Handelswege sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Österreich als exportorientierte Volkswirtschaft seine Lieferketten absichern und widerstandsfähiger gestalten kann. Können Sie uns einen groben Überblick über den Status quo verschaffen?
Klaus Friesenbichler: Wir leben in einer Zeit, die oft als Ära der Multikrisen bezeichnet wird – und ich glaube, uns allen reicht es langsam mit diesen zahlreichen Herausforderungen. Weniger Krisen würden uns allen guttun, um wieder in ruhigere Gewässer zu gelangen. Was wir derzeit beobachten, hat sich über Jahre hinweg aufgebaut – bereits vor der Pandemie. Die Globalisierung und Internationalisierung führten lange Zeit zu einer effizienteren Verteilung und Nutzung von Produktionsmitteln. Die Produktvielfalt ist gewachsen, und wir konnten international mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis einkaufen. Weniger beachtet wird jedoch, dass die Globalisierung seit kurz vor der Finanzkrise 2008 ins Stocken geraten ist. Strukturell hat sich seitdem wenig verändert. „The Economist“ bezeichnete diesen Zustand vor einigen Jahren als „Slowbalisation“. Gleichzeitig haben sich die damals noch als Mitteltechnologie geltenden Produkte – etwa einfachere Handys – durch die Digitalisierung zu Hochtechnologieprodukten entwickelt, die heute eine zentrale Rolle spielen. Heute werden Handelsabhängigkeiten zunehmend als Machtinstrument eingesetzt, um politische Interessen durchzusetzen. Das bisherige Bild eines fairen Wettbewerbs auf Basis der WTO-Regeln existiert in dieser Form nicht mehr. Für kleine, offene Volkswirtschaften wie Österreich oder ein regelbasiertes System wie die EU ist das eine große Herausforderung, vor allem da die globale Ordnung derzeit von zwei Zentren – Peking und Washington – dominiert wird.
Wie kann Europa in diesem Spannungsfeld seine Interessen vertreten?
Klaus Friesenbichler: Die EU versucht weiterhin, ihre Regeln auch gegenüber China durchzusetzen, doch China verweigert zunehmend die Anerkennung, etwa bei Lieferkettenregelungen, und schafft damit neue Fakten. Strategisches Verhalten, insbesondere seitens Chinas, zeigt sich auch in der Kontrolle von Rohstoffen und den Problemen in der Autoindustrie. Diese Entwicklungen kündigten sich lange an und basieren auf einem umfassenden Plan, der sogar öffentlich bekannt ist. Die Herausforderungen bei Halbleitern, der Wettbewerbsfähigkeit und dem Zugang zu Rohstoffen sind Teil dieses geopolitischen Machtspiels. China nutzt dabei einen Mix aus Technologiepolitik, finanzieller Förderung und anderen Instrumenten. Unsere regelbasierten Systeme waren darauf nicht ausreichend vorbereitet und sind bis heute begrenzt.
)
Dr. Klaus Friesenbichler, Senior Researcher Industrieökonomie & Wettbewerbsfähigkeit, WIFO Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Herr Wedl, können wir diese Krise überhaupt noch richtig erfassen und entsprechend handeln?
Valentin Wedl: Ja, das denke ich. Nehmen wir etwa die Klimakrise, die derzeit nicht im Mittelpunkt der politischen Agenda steht. Die Supermacht USA hat mit Trump einen Präsidenten, der unter anderem auch ein Klimakrisenleugner ist. Er bestreitet den menschengemachten Klimawandel und führt seine Politik mit großer Durchsetzungskraft. Das wirkt so massiv, dass man nur ungläubig zuschauen kann. Dennoch gab es bis vor Kurzem noch einen Konsens darüber, dass wir eine Klimakrise haben – in den USA, Europa und auch in China. China erkennt die Dringlichkeit der Klimakrise an und investiert massiv in technologische Verbesserungen, wobei das Land heute in vielen Bereichen Weltmarktführer ist. Das kann allerdings auch industriepolitisch problematisch sein. Auch Europa hat einen Green Deal, der bedauerlicherweise von den derzeitigen politischen Mehrheiten zunehmend abgeräumt wird. Ein Element im Green Deal sind die Sorgfaltspflichten bei den Lieferketten, die für viel Aufsehen gesorgt haben.
Können Sie darauf näher eingehen?
Valentin Wedl: Über die Sorgfaltspflichten in den Lieferketten wurde viel diskutiert, leider nicht wirklich offen. Stattdessen hieß es oft nur: „Die EU reguliert zu viel!“ Dabei war das ein langwieriger Prozess, an dem viele Stakeholder, auch aus der Industrie, beteiligt waren. Dennoch war ein Konsens erkennbar, der auch für Investitionen und den Kapitalmarkt wichtig war: Wir müssen nachhaltiger wirtschaften und investieren. Dafür ist es essenziell, die Lieferketten transparent zu machen – ohne das funktioniert es nicht. Aus arbeitsrechtlicher Sicht konnten wir zudem erfolgreich betonen, dass Nachhaltigkeitsregelungen nicht nur ökologische, sondern auch soziale Aspekte berücksichtigen müssen. So sollten Grundstandards, wie sie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) definiert hat, in Lieferketten integriert werden. Natürlich gibt es dabei Widersprüche und Herausforderungen, aber der Konsens war klar: Nur so können wir die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen. Dieser Prozess wurde von einer Mehrheit in Europa getragen und vorangetrieben, auch von traditionell freihändlerisch und kapitalistisch orientierten Ländern wie den Niederlanden. Es war ein Weg zur Modernisierung des europäischen Kapitalismus, um neue Technologien zu fördern, neue Märkte zu erschließen und die Qualität zu steigern. Doch aktuell wird dieser Fortschritt von eher traditionell und fossilistisch orientierten Wirtschaftsinteressen verdrängt. Für Investoren bedeutet das eine große Unsicherheit, denn es geht ja nicht nur darum, nachhaltiger zu wirtschaften, sondern auch, das Wirtschafts- und Gewinnmodell der Zukunft zu gestalten.
Herr Vanek, Sie sind tagtäglich mit dem Thema Lieferkette konfrontiert. Wie wirken sich die Ereignisse am Persischen Golf auf die Logistik- und Transportstrategien der ÖBB Rail Cargo Group aus?
Peter Vanek:Die Auswirkungen der Sperre der Straße von Hormus, des Ukrainekriegs oder der Zollpolitik sind enorm. Rund 80 % unserer Transporte haben einen internationalen Charakter – sei es beim Transitverkehr, Import oder Export. Doch selbst wenn es all diese Krisen nicht gäbe, hätten wir ausreichend große Aufgaben, denen wir uns widmen könnten. Beispielsweise der Infrastruktur, die in Europa deutlich hinterherhinkt. Während in China innerhalb von fünf bis zehn Jahren ganze Städte entstehen, dauern bei uns Verhandlungen über Schienenerweiterungen oft Jahrzehnte – und häufig werden sie dann nicht einmal umgesetzt.
Welche Herausforderungen sind das?
Peter Vanek: Die betreffen beispielsweise das europäische Schienennetz. Egal ob in Deutschland, Slowenien oder Osteuropa – überall wird gebaut oder zumindest geplant. Allerdings fehlt eine koordinierte Planung. So kann es passieren, dass etwa in einem anderen Land eine Strecke ausgebaut wird, ohne dass die Nachbarländer rechtzeitig darüber informiert werden. Auch innerhalb Deutschlands gibt es keine abgestimmte regionale Planung. Europa ist daher auf eine Infrastruktur angewiesen, die zahlreiche Engpässe aufweist. Manche davon sind dramatisch, wie etwa die bevorstehende Passau-Sperre – eines der wichtigsten Übergänge Richtung Nordseehäfen – die mit Jahresmitte beginnt. Hinzu kommen unterschiedliche Sicherheitssysteme und Digitalisierungsinitiativen, die sich in verschiedenen Entwicklungsstadien befinden – von ersten Ideen bis zu brauchbaren Lösungen. Leider fehlt es an Willen, Geld und Bereitschaft, sich den nötigen Veränderungen zu stellen. Die Bahnen denken oft kleinteilig. Unser Ziel ist es, unsere Kunden, vor allem große österreichische Industrieunternehmen, bestmöglich zu begleiten, damit sie am Weltmarkt bestehen können. Das gelingt nur, wenn Rohstoffe rechtzeitig ankommen und Fertigprodukte pünktlich geliefert werden. Oft entscheiden nicht nur die Qualität und der Preis über den Erfolg eines Produkts, sondern auch, ob es zum richtigen Zeitpunkt verfügbar ist. Funktionierende Logistik – insbesondere international – ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
"Oft entscheiden nicht nur die Qualität und der Preis über den Erfolg eines Produkts, sondern auch, ob es zum richtigen Zeitpunkt verfügbar ist."
)
Mag. Peter Vanek, Leiter der Business Unit Steel/Energy/Automotive/Agriculture, ÖBB Rail Cargo Group
Stichwort globale Unternehmen: Wie ordnest du, Alex, das Thema aus Sicht von Investoren und Kapitalmärkten ein?
Alexander Toth: In den letzten 20 bis 25 Jahren kannten wir im Wesentlichen nur eine Richtung: Globalisierung, Just-in-Time-Management und Lieferkettenoptimierung. Waren und Rohstoffe wurden günstig und automatisiert weltweit transportiert. Unternehmen, die ihre Lieferketten gut kannten – etwa Digital Natives wie Amazon –, hatten hier klare Vorteile, auch wenn sie von Krisen nicht völlig unberührt blieben. Chronologisch betrachtet begann die erste große Erschütterung aus Kapitalmarktsicht mit der Covid-Pandemie. Plötzlich durften Menschen nicht mehr reisen, und es kam zu einem unerwarteten Ölüberangebot, da die Produktion nicht sofort heruntergefahren werden konnte. Der Ölpreis fiel zeitweise sogar ins Negative, weil Lagerkapazitäten fehlten und Kontrakte erfüllt werden mussten. Kurz darauf blockierte das Containerschiff „Ever Given“ den Suezkanal, was die Verwundbarkeit der Just-in-Time-Lieferketten offenbarte. Wenn wichtige Komponenten wie Serverracks, Grafikkarten, aber auch Alltagsgüter wie Fahrradkomponenten in wenigen Containern feststecken, kann das ganze System ins Wanken geraten. Das zeigt, dass nicht nur der Preis, sondern auch die Verfügbarkeit zum richtigen Zeitpunkt entscheidend ist – ein Beispiel dafür ist die Chipkrise, die besonders die Automobilindustrie traf.
Der Wettlauf um die beste KI-Technologie hängt ebenfalls sehr stark von der Verfügbarkeit moderner Chips ab?
Alexander Toth: Ja, aber interessanterweise dominieren hier wenige globale Player, wobei die Fertigung nahezu monopolartig bei TSMC in Taiwan konzentriert ist. Taiwan hat diese technologische Vormachtstellung politisch abgesichert – das sogenannte „Silicon Shield“. Der Kapitalmarkt honoriert Unternehmen, die ihre Lieferketten vor- und rückwärts integriert und gut kontrolliert haben. Wer genau weiß, woher Rohstoffe stammen und wie nachhaltig produziert wird, gilt als widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks. Nachhaltigkeit bedeutet hier auch, Risiken zu minimieren, die Produktion nicht zu unterbrechen und die Wertschöpfungskette stabil zu halten.
Müssen wir das gesamte Transportsystem neu denken?
Klaus Friesenbichler: Ja. Wir müssen resilienter werden. Über Jahre hinweg wurde so getan, als gäbe es Risiko nicht – weder seitens des Kapitalmarkts noch seitens der Politik. Zum Beispiel wurde die Abhängigkeit von Öl und Gas, insbesondere von Russland, schon lange gesehen. Kurzfristig hätte man jedoch sagen müssen: Wir zahlen eine Risikoprämie für die Diversifizierung, obwohl Öl und Gas günstig waren und die Versorgung gesichert schien. Das wäre politisch schwer durchzusetzen gewesen. Natürlich hätte das bei Anleger:innen und Verbraucher:innen für Kritik gesorgt – die internationale Wettbewerbsfähigkeit von energieintensiven Unternehmen wäre infrage gestellt worden, und die Haushalte wären mit steigenden Strom- und Gaspreisen konfrontiert gewesen. Für ein abstraktes Risiko eine solche Absicherung zu verlangen, ist verständlicherweise schwierig. Vor diesem Hintergrund passiert jetzt einiges. Es gibt viele Unternehmen, die sich ernsthaft um widerstandsfähigere Liefernetzwerke bemühen und diversifizieren, sofern das möglich ist. Viele Industrieunternehmen beschaffen nicht just in time. Vorlaufzeiten von einem halben bis dreiviertel Jahr sind eher die Norm. Das schafft ein wenig Puffer bei Lieferengpässen. Wiederkehrende Versorgungsprobleme, etwa bei Antibiotika, müssen strukturell gelöst werden.
Was kann man dagegen tun?
Klaus Friesenbichler: Die klassischen Antworten lauten: kurzfristig Lagerbestände aufbauen, alternative Lieferanten aus anderen Regionen suchen – und langfristig technologische Substitution anstreben. Wenn wir weniger abhängig von Öl und Gas wären und stattdessen auf erneuerbare Energien setzen würden, hätten wir viele Probleme weniger, weil die Nachfrage anders befriedigt würde. Doch wir sind nicht nur bei der Energie, sondern auch bei vielen Rohstoffen stark abhängig. Die Substituierbarkeit ist technisch oft nicht möglich, und selbst wenn sie möglich ist, entstehen dadurch neue Abhängigkeiten, die oft tiefer im Produktionsnetzwerk verborgen sind. Gerade bei sogenannten Schlüsseltechnologien sind wir in der Mehrzahl der Fälle stark rohstoffabhängig. Das betrifft nicht nur die Rohstoffgewinnung, sondern auch deren Verarbeitung. Auch wenn man versucht, durch Kreislaufwirtschaft und Recycling die Abhängigkeit von China zu verringern und Rohstoffe zurückzugewinnen, können wir nicht alle davon selbst bearbeiten. So rutschen wir von einer Abhängigkeit in die nächste. Eine wirkliche Lösung erfordert daher einen umfassenden politischen Maßnahmenmix, der tief im Produktionsnetzwerk ansetzt und versteckte Abhängigkeiten auflöst.
"Ohne eine planerische öffentliche Hand, die über einen Zeithorizont von mehr als fünf Jahren denkt, wird es nicht gehen.."
Herr Vanek, wie geht Ihr Unternehmen mit diesen Herausforderungen um? Wie lassen sich Resilienz und Effizienz verbessern?
Peter Vanek: Resilienz bedeutet für uns keineswegs, nur Beifahrer zu sein. Unser Hauptfokus liegt darauf, unsere Kunden aktiv bei der Erhöhung ihrer Resilienz zu begleiten. Das Anlegen von Lagern klingt zwar theoretisch sinnvoll, ist aber in der Praxis oft nicht umsetzbar. Lagerhaltung ist sehr teuer, und viele unserer Kundenstandorte haben schlichtweg nicht den Platz dafür. Beispielsweise liegt die Lagerreichweite bei wichtigen Rohstoffen in der österreichischen Industrie oft bei wenigen Wochen. Das heißt, wir sprechen hier nicht von Monaten, in denen man große Mengen an Rohstoffen bevorraten könnte. Die durchschnittliche Lagerreichweite liegt eher bei zwei bis drei Wochen – da wird es schnell eng. Die Idee, einfach große Lager anzulegen, ist also für viele Unternehmen keine realistische Option. Im Bereich Erdgas ist das natürlich anders, da kann man speichern. Aber bei den Stoffen, die wir hauptsächlich transportieren, gibt es klare Einschränkungen.
Wie schaffen Sie Resilienz?
Peter Vanek: Vor allem durch Partnerschaften. Früher hatten viele Kunden nur ein oder zwei Lieferanten, heute sind es oft zehn oder mehr, die aus unterschiedlichen Regionen und über verschiedene Routen liefern. Ein Beispiel sind Rohstofftransporte für die Montanindustrie: Ein großer Teil kommt weiterhin über die ukrainisch-ungarische Grenze, aber mittlerweile werden auch Häfen wie Vlissingen, Rostock oder Monfalcone genutzt. Die österreichische Industrie stellt sich also sehr flexibel auf und verteilt ihre Lieferketten auf mehrere Beine – das war vor 20 Jahren noch ganz anders. Diese Diversifikation wird auch von Investoren honoriert. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Unternehmen 60 % seiner Rohstoffe von einem einzigen Lieferanten bezieht oder ob der größte Lieferant nur 15 % ausmacht. Genau hier setzen wir an und begleiten unsere Kunden aktiv. Wenn Europa bestimmte Anforderungen – beispielsweise „Green Steel“, den einige Kunden in Amerika importieren – nicht erfüllen kann, wird der Stahl aus Ländern wie Indien importiert. Die Vorstellung, dass Europa hochwertige Produkte liefert und andere Länder billige, minderwertige Ware produzieren, ist längst überholt. Wir konkurrieren mit Herstellern, die oft geringere Standards in Arbeitssicherheit und Umweltschutz haben. Hier braucht es dringend Hebel, etwa bei den Energiekosten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Steigen die Energiepreise, wird auch der Bahnstrom teurer, und damit unser Produkt. Die Bahn muss hier aktiv werden, aber auch der regulatorische Rahmen muss angepasst werden. Momentan befinden wir uns oft im freien Fall.
Was bedeutet diese Entwicklung für die Arbeitswelt – sind wir mit unseren Regulierungen überhaupt konkurrenzfähig, Herr Wedl?
Valentin Wedl: Ich bin überzeugt, dass arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen durchaus dazu beitragen, Abhängigkeiten zu reduzieren. Österreich ist im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien trotz des starken Dienstleistungssektors weiterhin ein Industrieland geblieben. Unser industrieller Sektor hat sich in enger Abstimmung mit Deutschland gut weiterentwickelt. Diese bewusste Entscheidung, sich vor rund 20, 30 Jahren weiterhin als Industrieland zu positionieren, war sehr wichtig – gerade in Hinblick auf die Reduzierung von Abhängigkeiten. Es gibt hier noch viel zu tun, zentrales Ziel bleibt aber, dass wir uns als starkes Industrieland weiterentwickeln.
Welche Anpassungen wären denn Ihrer Meinung nach notwendig, um diese industrielle Resilienz in Österreich zu stärken?
Valentin Wedl: Wir müssen auch Maßnahmen in Betracht ziehen, die nicht strikt dem klassischen Freihandelsdenken entsprechen. Denn wir können unsere Industrie nur dann in Europa halten, wenn sie sich gegen unfairen Wettbewerb und Dumping aus anderen Ländern behaupten kann. Ohne diesen Schutz wird es uns nicht gelingen, strategisch unabhängiger zu werden. Das ist ein wichtiger Fokus, der mit vielen weiteren Faktoren verknüpft ist. Unsere Industrie ist auch deshalb erfolgreich und produktiv, weil sie in einem stabilen rechtlichen und arbeitsrechtlichen Rahmen sowie in einem wohlfahrtsstaatlichen Umfeld agieren kann. Das gilt auch für andere hochentwickelte Länder wie Schweden, Dänemark oder die Schweiz. Auch dort steht die Industrie vor der Aufgabe, Geschäftsmodelle anzupassen und weiterzuentwickeln. Dazu braucht es Kapital.
Von welchen Summen muss hier ausgegangen werden?
Valentin Wedl: Mario Draghi, der ehemalige EZB-Präsident, hat in seinem vielbeachteten Bericht herausgearbeitet, dass Europa jährlich 700 bis 800 Milliarden Euro zusätzlich investieren müsste, um seinen Rückstand gegenüber anderen Regionen wieder aufzuholen – mittlerweile spricht man sogar von einer Billion oder mehr. Doch bislang passiert in diese Richtung wenig. Viele Staaten, darunter auch Österreich, sind derzeit nicht in der Lage, große öffentliche Investitionen zu tätigen. Gleichzeitig versäumen wir es, einen europäischen Fonds aufzulegen oder offen und ehrlich über Eurobonds zu diskutieren. Diese Themen sind oft tabu, aus Angst vor einer vermeintlichen Überschuldung Europas. Dabei könnten wir mit solchen Mitteln dringend notwendige Infrastrukturprojekte realisieren – etwa den Ausbau von Bahnstrecken oder vor allem den schnellen Ausbau der Energienetze.
)
Mag. Valentin Wedl, Leiter Abteilung EU und Internationales, Arbeiterkammer Wien
"Wir müssen nachhaltiger wirtschaften und investieren. Dafür ist es essenziell, die Lieferketten transparent zu machen – ohne das funktioniert es nicht."
Alex, du stehst mit vielen Unternehmen im Austausch, wie gehen diese mit dem Thema um?
Alexander Toth: Ein klarer Trend ist die Verlagerung hin zu Reshoring oder Nearshoring, also die Produktion näher am Absatzmarkt, um Lieferketten besser kontrollieren zu können. Besonders in Nordamerika sehen wir das stark, etwa zwischen den USA und Mexiko, wo Güter innerhalb von 24 Stunden transportiert werden können. Allerdings sind dort die Arbeitsbedingungen und regulatorischen Standards nicht immer mit denen Europas vergleichbar. Der globale Transport befindet sich im Wandel, aber Rohstoffe bleiben ein großes Problem. Kupfer zum Beispiel ist essenziell für die Energieinfrastruktur, die wir dringend benötigen. Die USA konnten durch Fracking und die Reaktivierung alter Ölfelder ihre fossilen Energieressourcen ausbauen, doch das bleibt eine endliche und umstrittene Ressource
Was muss Österreich tun, um seine Resilienz zu stärken?
Klaus Friesenbichler: Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft kann keine isolierte Resilienzstrategie verfolgen – das wäre weder sinnvoll noch realistisch. Gerade die europäische Arbeitsteilung in verschiedenen Sektoren ist wichtig. Im Konsumbereich oder bei Medikamenten kann man einzelne Maßnahmen ergreifen, aber insgesamt ist eine rein nationale Strategie kaum umsetzbar. Das Erste, was wir tun können, ist den Binnenmarkt zu stärken. Darüber wird seit Jahren gesprochen, doch immer wieder scheitert es an konkreten Maßnahmen. Wo bleibt beispielsweise die Bankenunion? Gerade wenn es darum geht, innovative Unternehmen in Hochtechnologiebereichen zu fördern und zu skalieren, stoßen wir auf regulatorische und finanzielle Hürden. Auch neue Rechtsformen wie die „EU GmbH“ (Anm.: „EU Inc.“) werden diskutiert. Die genaue Ausgestaltung bleibt offen. Auf nationaler Ebene hat die österreichische Bundesregierung mit der Industriestrategie einen wichtigen Schritt gemacht. Nun geht es um die Umsetzung, insbesondere im Förderwesen. Das Ziel sollte die Transformation der Wirtschaft sein. Allerdings reicht es nicht, nur Förderungen auszuschütten, um in einem neuen industriellen Ökosystem Spitzenreiter zu werden.
Was braucht es noch, Herr Wedl?
Valentin Wedl: Wir sind Teil der Europäischen Union mit rund 450 Millionen überwiegend kaufkräftigen Einwohnerinnen und Einwohnern – das ist eine enorme Chance, die wir nutzen müssen. Neben anderen Hebeln wie Lagerhaltung, Diversifikation und Förderungen, die auch in der österreichischen Industriestrategie gut zusammengefasst sind, wäre es ein großer Schritt, unser traditionelles Exportweltmeistermodell zu hinterfragen. Dieses Modell macht uns sehr abhängig und fordert aus derzeitiger Sicht auch seinen Preis. Ohne eine planerische öffentliche Hand, die über einen Zeithorizont von mehr als fünf Jahren denkt, wird es nicht gehen. Das betrifft vor allem die Finanzierung und den Ausbau der Infrastruktur. Europa hat hier große Defizite, besonders im Schienenverkehr. Wir müssen diese Tabus überwinden und anerkennen, dass die öffentliche Hand viel gelernt hat und gemeinsam mit privaten Unternehmen neue Projekte anschieben kann. Und wir sollten die Bürokratie nicht zum Sündenbock für alle Probleme machen. Das ist zu einfach und hilft nicht weiter.
Herr Vanek, welche Notwendigkeiten ergeben sich aus Ihrer Sicht?
Peter Vanek: Wenn Europa resilienter werden will und seine großen Industriestandorte für Investoren attraktiv bleiben sollen, muss die Möglichkeit geschaffen werden, möglichst viel über die Schiene abzuwickeln. Der Koralmtunnel ist ein wichtiger Schritt, aber wir brauchen weitere Leuchtturmprojekte, auch wenn deren Wirkung erst in fünf oder zehn Jahren sichtbar wird. Was unbedingt passieren muss, ist eine bessere Koordination der Infrastrukturausbauten auf europäischer Ebene. Diese werden zwar gefördert, aber es ist unverständlich, dass Förderungen nicht an eine zeitliche Abstimmung mit den transeuropäischen Korridoren gebunden sind. Es müsste klare Anreize geben, die nur greifen, wenn Projekte im europäischen Kontext abgestimmt sind.
Alex, ein kurzer Schlusssatz von dir.
Alexander Toth:Wir brauchen eine Rückbesinnung auf unsere Stärken: Innovation, Diversität und eine Vielzahl an Inputfaktoren. Diese Potenziale müssen wir konzertiert heben. Wenn wir diese Synergien nutzen können, haben wir ein enormes Potenzial. Für den europäischen Kapitalmarkt wünsche ich mir, dass er diese Chancen erkennt und fördert. Denn derzeit findet das Wachstum vor allem in anderen Märkten statt – in den USA mit ihren Hightech-Zentren und in China, das viele Schlüsseltechnologien für sich gewinnt und zum führenden Innovationsmotor wird.
)
Mag. Alexander Toth, Fondsmanager, Raiffeisen Capital Management